Zusammenfassung des Webinars von Dr. Heinz Fuchsig für die Zukunftsallianz
Klimaschutz wird meist als Kostenfrage diskutiert: Was kostet die Energiewende, worauf müssen wir verzichten? Der Arbeitsmediziner Heinz Fuchsig schlägt einen Perspektivwechsel vor. Statt „Was kostet Klimaschutz?“ sollten wir fragen: „Krankheit kommt uns teuer. Wie viel Vitalität können wir gewinnen?“ Klimaschutz und Prävention setzen nämlich oft an denselben Ursachen an: fossile Verbrennung, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Ressourcenverschwendung, Hast und FOMO.
Die Gesundheitsausgaben in Österreich sind von rund 40 Milliarden Euro (2020) auf etwa 60 Milliarden Euro (2025) gestiegen. Der Personalmangel verschärft sich, die Babyboomer kommen in den nächsten 10 bis 20 Jahren ins „teure Alter“, und chronische Krankheiten wie Demenz, Parkinson, Diabetes und Autoimmunerkrankungen nehmen zu. Gleichzeitig verursacht das Gesundheitssystem selbst rund 7 % des österreichischen CO₂-Fußabdrucks. Klimaschädliche Subventionen wie Dieselprivileg oder Pendlerpauschale verursachen laut Fuchsig zusätzlich noch einmal ähnlich hohe Krankheitskosten.
Als Mutmacher nennt Fuchsig das Montreal-Protokoll von 1987. Die ozonschädigenden FCKW-Emissionen sanken innerhalb eines Jahrzehnts um 98 %. Damit wurden Millionen Hautkrebsfälle, enorme Schäden und große Mengen an Treibhausgasen vermieden und Kühlschränke sind heute sogar effizienter als damals. Das Ozonloch schrumpft.
Windkraft hat in Europa laut Fuchsig bereits weit über 100.000 Todesfälle verhindert, weil weniger Kohle und Gas verbrannt werden. Würden alle Verbrennungsabgase vermieden, brächte das rund 1,5 gesunde Lebensjahre mehr. Erneuerbare senken zudem den Strompreis, wie der Vergleich zwischen Österreich und Portugal zeigt. Auch die Beschäftigung profitiert: In Deutschland arbeiten rund eine halbe Million Menschen im Bereich der Erneuerbaren, weniger als 100.000 in Kohle und Gas. Für Österreich sieht Fuchsig im Ausbau der Windkraft die oberste Priorität. Dazu passt das Beispiel Dieselpartikelfilter, das kein „Entweder-oder“ kennt: Er schützt die Lunge und reduziert gleichzeitig Black Carbon, einen hochwirksamen Klimatreiber.
Bewegungsmangel nennt Fuchsig die erste Epidemie unserer Zeit. Um 1900 gingen Menschen rund 18 km pro Tag zu Fuß, heute sind es weniger als einen Kilometer. Wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat laut einer BMJ-Studie von 2017 ein um rund 46 % geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein um 45 % geringeres Krebsrisiko und eine um 41 % geringere Sterblichkeit. Wer täglich mehr als 45 Minuten im Auto im Stau steht, leidet deutlich häufiger an Schlafstörungen, Nervosität und Ängsten als ÖV-Nutzende. Radfahrende und Fußgänger:innen vermissten im Lockdown ihren Arbeitsweg am meisten. Betriebe können viel beitragen: mit sicheren Radabstellplätzen, Jobrädern, Routenempfehlungen und Vorbildwirkung der Führungsebene.
Elektrische Antriebe, Geräte und Mopeds sind leiser, abgasfrei und deutlich effizienter. Das ist wichtig, weil in Hitzeperioden gesunder Schlaf offene Fenster erfordert. Bei Klimaanlagen rät Fuchsig, auf Effizienz und Lärmwerte zu achten. Die wirksamste Kühlung ist oft natürlich: Eine dichte Fassadenbegrünung kann so viel kühlen wie mehrere Klimageräte.
Am Beispiel seines eigenen Wohnhauses zeigt Fuchsig, wie Teilen das Leben verbessert. 1990 lebten dort 18 Menschen mit 11 Autos, heute sind es 36 Bewohner:innen mit 6 Autos, davon zwei elektrisch. Man teilt Werkzeug, Geräte und Feste, hilft einander aus und lernt Zusammenleben. Seit über 15 Jahren gab es kaum Streit. „Vermögen ist ein Verb“, sagt Fuchsig.
Mehr Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn und Nüsse verbessern die Gesundheit und senken Emissionen. Fuchsig plädiert für Genuss statt Verbotslisten und betont, dass auch kleine Verschiebungen im Speiseplan zählen. „Pflanzlich“ ist allerdings kein Gütesiegel: Auch Pommes und Softdrinks sind vegan.
Der stärkste Hebel sind Rahmenbedingungen. Dazu zählen sichere Radwege, gutes ÖV-Angebot, gesunde Kantinen, Grünräume und ökosozial-vitale Steuern, etwa eine niedrige Mehrwertsteuer auf Gemüse. Die gesunde Wahl soll zur einfachen Wahl werden. Gleichzeitig warnt Fuchsig davor, dass Achtsamkeit nicht zur Individualisierung struktureller Probleme werden darf. Statt LOHAS („Lifestyle of Health and Sustainability“) schlägt er „SLOWHAS“ vor: weniger Hast, weniger „Zuvielitis“ und FOMO.
89 % der Menschen weltweit wünschen sich mehr Klimaschutz. Erneuerbare boomen vor allem in Asien und Afrika, und die Fabriken für eine vollständige Versorgung mit Solar, Wind und E-Mobilität stehen bereits oder sind im Bau. Effizienz und Komfort setzen sich durch.
Klima- und Gesundheitspolitik überschneiden sich stark. Gesundheitsgewinne wirken lokal und kurzfristig und überzeugen deshalb mehr als abstrakte Klimaziele. Bewegung und Ernährung sind die stärksten Co-Benefit-Felder. Nicht jede Maßnahme ist automatisch gesund, Nebenwirkungen müssen geprüft werden. Vor allem braucht es eine neue Erzählung: nicht Verzicht, sondern Zugewinn an Gesundheit, Leichtigkeit und Gemeinschaft.
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