Wie können Unternehmen CO₂ aktiv aus der Atmosphäre entfernen? Welche Methoden sind heute schon einsetzbar – und was kommt in Zukunft? Eine Nachlese
Beim TransformImpuls der Business Allianz Klima am 16. April 2026 gaben Expert:innen aus Wissenschaft, Industrie und Start-ups praxisnahes Wissen zu Carbon Capture and Storage/Utilization (CCS/U) und Carbon Dioxide Removal (CDR). Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse.
Sandra Gottschall | Co-Founderin Carbony | ESG & Klimaschutz, ConPlusUltra
Sandra Gottschall eröffnete die Session mit einem grundlegenden Überblick: Die EU hat sich verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu sein – mit Zwischenzielen von minus 55 % bis 2030 und minus 90 % bis 2040. Doch selbst bei ambitioniertester Emissionsreduktion werden schwer vermeidbare Emissionen verbleiben. Genau hier kommen Carbon Dioxide Removals (CDR) ins Spiel: Maßnahmen, die CO₂ aktiv aus der Atmosphäre entfernen und dauerhaft speichern.
Gottschall unterschied klar zwischen Carbon Credits (Vermeidung von Emissionen, z. B. durch Windparks) und Carbon Removal Credits (tatsächliche Entnahme von CO₂). Für glaubwürdige Net-Zero-Strategien – und insbesondere für die Erfüllung von SBTi-Zielen ab 2030 – sind Removal Credits unverzichtbar. Vermeidungs-Credits allein reichen nicht mehr aus.
Sie gab einen strukturierten Überblick über die wichtigsten CDR-Technologien:
Zur Kostenperspektive: Während DACCS heute noch 500–1.000 USD pro Tonne CO₂ kostet, bewegt sich ERW im Bereich von 150–350 USD/t – mit erheblichem Potenzial zur Kostenreduktion. Biochar ist bereits heute skalierbar bei 120–250 USD/t.
„Bei allen CCS/U-Methoden rate ich zu hinterfragen: Wie lange wird dabei CO₂ entfernt? Und ist es sicher und nachhaltig skalierbar?“
— Sandra Gottschall
Matthias Rettenbacher | CEO & Co-Founder, Carbony
Matthias Rettenbacher stellte das österreichische Start-up Carbony vor, das sich auf Enhanced Rock Weathering (ERW) spezialisiert hat – eine der vielversprechendsten CDR-Methoden mit geologischer Permanenz.
Das Prinzip: Gemahlenes Gestein wird auf Ackerland ausgebracht. Durch natürliche Verwitterungsprozesse wird CO₂ aus der Atmosphäre chemisch gebunden und im Boden oder in Gewässern dauerhaft gespeichert – auf einer Zeitskala von tausenden von Jahren. Carbony setzt dabei auf Olivin statt auf das weitverbreitete Basalt – mit entscheidenden Vorteilen:
Die Co-Benefits der Methode sind beachtlich: ERW verbessert die Bodenfruchtbarkeit, kann Ernteerträge steigern, reduziert Bodenversauerung und hilft, Flüsse und Ozeane vor Versauerung zu schützen. Zudem schafft es Einkommensmöglichkeiten für ländliche Gemeinschaften.
Matthias Ginterseder | Head of Science, Sequestra
Matthias Ginterseder präsentierte die Biochar-Methode als heute bereits breit einsetzbare CDR-Technologie. Bei der Pyrolyse – der thermischen Behandlung von Biomasse unter Sauerstoffausschluss – entsteht Pflanzenkohle (Biochar), die CO₂ für 100 bis über 1.000 Jahre stabil speichert.
Biochar ist eine der am weitesten entwickelten und am günstigsten skalierbaren permanenten CDR-Technologien. Sie lässt sich direkt in die Landwirtschaft und in Bauprodukte integrieren – und erzeugt dabei konkrete Zusatznutzen: verbesserte Bodenfruchtbarkeit, erhöhte Wasserhaltekapazität und gesteigerter Ertrag auf Ackerland.
Für Unternehmen bietet Biochar damit einen idealen Einstieg: Die Verfügbarkeit von zertifizierten Credits ist heute gegeben, die Qualitätsstandards etabliert, und der Einkauf von Biochar-Credits ermöglicht gleichzeitig die Unterstützung lokaler, regionaler Wertschöpfungsketten.
Karl W. Steininger | Professor of Climate Economics & Sustainable Transition, Wegener Center, Universität Graz
Karl W. Steininger lieferte die wissenschaftliche Rahmung des TransformImpuls. Als Klimaökonom am renommierten Wegener Center der Universität Graz betonte er: CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre ist kein Nice-to-have oder bloße Kompensation für Unvermeidliches. Sie ist eine unverzichtbare Säule jeder ernsthaften Klimastrategie.
Steininger verwies auf die dramatische Dimension des Problems: Die aktuellen jährlichen globalen Emissionen liegen bei rund 37 Gt CO₂e. Die derzeitige CO₂-Entnahme durch neue CDR-Methoden beträgt demgegenüber lediglich 0,0013 Gt CO₂e – ein winziger Bruchteil. Bis 2050 müsste die jährliche Entnahme auf bis zu 7–9 Gt CO₂ steigen, um die 1,5-Grad-Grenze einhalten zu können. Das erfordert eine massive Skalierung über alle verfügbaren Methoden hinweg.
Besonders wichtig: Steininger machte deutlich, dass CDR nicht gegen Emissionsreduktion ausgespielt werden darf. Emissionen vermeiden bleibt das erste Gebot. Aber selbst bei maximaler Reduktion verbleiben Restemissionen in Sektoren wie Zement, Stahl, Landwirtschaft und Luftfahrt – die nur durch aktive CO₂-Entnahme ausgeglichen werden können.
„Wir brauchen CCSU nicht nur als Kompensation, um den CO₂-Anstieg zu minimieren. Sondern als eine von vielen Maßnahmen, um das Klimaziel von 1,5° und damit ein gutes Leben auf diesem Planeten weiterhin ermöglichen zu können.“
— Karl W. Steininger, Wegener Center, Universität Graz
Haimo Primas | CEO Holcim Österreich
Holcim Österreich – einer der größten Zementhersteller des Landes – steht exemplarisch für die Herausforderungen energieintensiver Industrien. Am Standort Mannersdorf entstehen jährlich rund 700.000 Tonnen CO₂. Davon sind etwa 420.000 Tonnen prozessbedingte Emissionen aus der Kalksteinentsäuerung (Kalzinierung) – diese lassen sich nicht durch Effizienzmaßnahmen oder erneuerbare Energie vermeiden. Sie erfordern zwingend Carbon Capture.
Holcim setzt auf eine vierteilige Dekarbonisierungsstrategie:
Konkret entwickelt Holcim die CO₂-Management-Wertschöpfungskette C2PAT+. Für die vollständige Umsetzung einer CCS-Anlage in Mannersdorf sind Investitionen von bis zu 400 Millionen Euro veranschlagt – inklusive geplanter EU-Innovationsfonds-Förderung. Sowohl eine lokale CO₂-Pipeline als auch die Aufhebung des österreichischen Verbots der Onshore-CO₂-Speicherung sind dafür Voraussetzung. Geeignete Speicherfelder wurden bereits identifiziert.
CEO Haimo Primas formulierte es unmissverständlich:
„Dass CCS in Österreich derzeit nicht zugelassen ist, ist klimapolitisch nicht vertretbar. Gerade in einem Industrieland wie Österreich – mit einem hohen Anteil an Sektoren mit schwer vermeidbaren Emissionen wie Zement, Stahl, Papier oder Glas – ist Carbon Capture and Storage keine Option unter vielen, sondern eine zentrale Voraussetzung auf dem Weg zur Klimaneutralität 2050.“
— Haimo Primas, CEO Holcim Österreich
Der TransformImpuls hat gezeigt: Carbon Capture und Carbon Removal sind keine Zukunftsmusik – sie sind heute verfügbar, skalierbar und wirtschaftlich einsetzbar. Gleichzeitig ist der politische Rahmen in Österreich noch nicht optimal aufgestellt.
Für Unternehmen gelten drei Handlungsempfehlungen:
SAVE THE DATE
Der nächste TransformImpuls findet am 18. Juni 2026, 14:00–16:00 Uhr statt.
Thema: Kreislaufwirtschaft
Jetzt anmelden: https://www.eventbrite.at/e/kreislaufwirtschaft-vom-recycling-zum-redesign-unserer-wirtschaft-tickets-1988388423300
Die Business Allianz Klima beim Austrian Sustainability Summit 2026
unfold consulting und die Zukunftsallianz leiten gemeinsam einen Workshop zur Frage, wie Unternehmen Investitionen sichern und skalieren.
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